Arbeitskreis Traditionelle Astrologie

13. März 2009

Die Bedeutung der Lospunkte in der Hellenistischen Astrologie, insbesondere von Daimon und Fortuna

von Martien Hermes

Das Problem der Partes (Lospunkte)

Abu ‘Ali Al-Khayyat schreibt in seinem Buch mit dem Titel Der Status von Kindern und jenen Dingen, die angezeigt werden durch das fünfte Haus über die Deutung von Horoskopen in Kapitel 20 folgendes:
„Schau nach dem Haus der Kinder (fünftes Zeichen/fünftes Haus), dessen Herrscher, nach Venus und Jupiter, und auch nach dem Lospunkt der Kinder und dessen Dispositor und den Herrscher der Triplizität, worin Jupiter steht.”

Das scheint typisch zu sein für die alte Literatur, wenn es darum geht, spezifische Themen anhand von Planeten und Häusern zu deuten. Immer werden dazu ein oder mehrere Lospunkte herbei geholt. Warum?

Wenn man die Namen der Lospunkte liest, fällt auf, dass es eigentlich für jedes Thema – das auch durch andere Horoskopfaktoren angezeigt wird – einen Lospunkt gibt. Der Vater wird z.B. angezeigt durch das vierte Haus, durch die Sonne und/oder Saturn, aber zugleich durch einen speziellen Lospunkt. Dasselbe gilt für die Mutter, Kinder, Brüder und Schwestern, den Beruf, etc. Warum wird noch ein zusätzlicher Signifikator in Form eines solchen Lospunktes hinzugezogen? Die Antwort auf dieses Rätsel ist, dass dahinter eine bestimmte Idee steckt, also der Gebrauch der Lospunkte wohl einen bestimmten Grund hat.

Die Lospunkte als Personifizierung spezifischer Planetenkräfte

In der Hellenistischen Astrologie sind die Lospunkte eine nähere Beschreibung der Planetenthemen. Illustrieren wir das nun anhand einer Problemstellung. Ein Planet wird immer gedeutet und beurteilt aufgrund seiner eigenen Art, seiner Häuserstellung, seines Zustandes und seiner Aspekte mit anderen Planeten. Das lässt bestimmte Rückschlüsse darüber zu, was der Planet im Leben des Geborenen zustande bringt. Daraus folgt aber eine wirklich wichtige Frage:
Wenn ein Planet über seine lokale Determination (Platzierung in Herrschaft über ein Haus), verschiedene besondere und unterschiedliche Themen beherrscht, was erklärt dann die einzelnen Unterschiede von Erlebnissen und Ereignissen auf diesen Lebensgebieten? Denn wenn Venus Herrscher ist von Haus 3 über Stier und Herrscher von Haus 8 über Waage und dabei auch noch Erhöhungsherrscher von Haus 1 ist, dann ist es nicht logisch davon auszugehen, dass diese Venus für all diese Themen auf Basis ihres Zustandes im Radix oder bei Prognosen genau dasselbe vorhersagt.
Das ist genau der Punkt, an dem die hellenistischen Lospunkte eine Rolle spielen. Die Wirkung eines Planeten, also die Art und Weise, wie dieser Planet Auswirkungen hervorbringt, wird als etwas Mysteriöses gesehen. Man spricht in den alten Texten von einer gewissen “Ausstrahlung” (effluence), um zu erklären, wie der Planet etwas auf der Erde oder im Menschen zustande bringt, aber das ist ziemlich vage. Dagegen werden die Auswirkungen der Lospunkte immer als spezifische Ursache von Ereignissen in unserem Leben gesehen.
Wenn du im Beruf entlassen wirst, dann ist der Chef die direkte Ursache für deine Arbeitslosigkeit. Wenn du dich verkühlst, ist die direkte Ursache dafür ein Virus. Wenn jemand dein Eigentum stiehlt, dann ist der Dieb die Ursache deines Verlustes. Die Lospunkte haben daher eine ganz spezifische, ausgeprägte und einfache Bedeutung für die Ehe, Diebstahl, Kinder, Bezichtigungen usw. Jeder Lospunkt hat daher eine ganz spezifische und konkrete Bedeutung und wohl auch eine, welche die Domäne eines bestimmten Planeten ist. Während also der Planet alle seinen Bedeutungen, nicht selektiert und nicht spezifisch repräsentiert, und es aus diesem Grund auch so schwierig ist, zu entdecken, welche Bedeutung in welchem Kontext gerade in den Vordergrund tritt (was die Kunst der Prognose so heikel macht) (2), repräsentiert dagegen der Lospunkt nur eine spezifische Bedeutung eines Planeten. Mit anderen Worten differenzieren und thematisieren die Lospunkte besondere Themen der Planeten.
Eigentlich herrschen die einzelnen Planeten über zu viele Themen. Venus zum Beispiel herrscht im Allgemeinen über alle unseren Beziehungen mit anderen Menschen. Aber wir haben natürlich zu jeder Zeit in unserem Leben viele und auch ziemlich unterschiedliche Beziehungen zu vielen Personen. Unsere Liebe zu einigen von diesen Personen ist von anderer Art als die zu anderen Menschen in unserem sozialen Umfeld. Venus alleine kann für diese Unterschiede astrologisch nie verantwortlich sein, und sie kann auch nicht alle Feinheiten der einzelnen Beziehungen alleine vertreten. Aber die Lospunkte, an denen Venus beteiligt ist, differenzieren die unterschiedenen Beziehungen: Ehe von Männern (AC + Venus – Saturn); von Frauen (AC + Venus – Merkur); das Verhältnis zur Mutter (AC + Mond – Venus); zu den Kindern (AC + Merkur – Venus); zu den Töchtern (AC + Venus – Mond); zu den Schwiegereltern (AC + Venus – Saturn), zu den Freunden (AC + Venus – Jupiter), usw.
Praktisch gesehen kann also die Funktion der Lospunkte aufgefasst werden als die Neuverteilung besonderer Bedeutungen der Planeten über verschiedene Teile des Horoskops: In anderen Zeichen, und damit auch unter Herrschaft anderer Dispositoren. Damit sind sie astrologisch besser, deutlicher und auch in ihren Unterschieden nachvollziehbarer.

Die hermetischen Lospunkte der sieben Klassischen Planeten

Auch hier ist die Frage: Warum Lospunkte für die Planeten? Der Grund ist der gleiche:
Die Neuverteilung der spezifischen Bedeutungen der Planeten. Die wichtigsten Lospunkte dabei sind die von Sonne und Mond, den zwei Lichtern.
Die Wirkung des Glückspunktes, Fortuna (Lospunkt des Mondes ) bezieht sich darauf, dass man Einflüssen ausgeliefert ist , auf Erfahrungen im Leben – im Gegensatz zum Pars Daimon (Lospunkt der Sonne), welcher das Unternehmen im Leben darstellt (3). Handlung kann als etwas gesehen werden, was man unternimmt (Daimon), im Gegensatz zu etwas, was einem Menschen einfach geschieht, was die passive Komponente ist (Fortuna). Unternehmen und erfahren/geschehen umfasst alle Dinge, die wir im Leben tun und alle Dinge, die wir mitmachen. Wir unternehmen Dinge und es geschehen uns Dinge. Das Wort, das beide Prinzipien zusammenfasst ist ‘Erfahrung’ (das Griechische ‘empeirea’). Dieses Erfahren umfasst damit sowohl das aktive Unternehmen von Dingen in deinem Leben (Pars Daimon), als auch das passive Geschehen deines Daseins (Pars Fortuna). Beide stellen also unterschiedlichen Formen des Schicksals dar, und zwar die zwei wichtigsten Formen. Das was jemandem zufällt in seinem Leben, nur weil man einfach da ist, lebt, und ‘Wind und Wetter’ ausgesetzt ist (Fortuna), und zweitens das, was jemandem passiert, weil man ein gewisses Ziel anstrebt (Daimon) und dafür Aktionen unternimmt.

Zusammenfassung:
Der Daimon: Thematisiert ein Sonnen-Thema: Aktion! Dein Leben als ein Unternehmen, als etwas, das du machst, wie man das Leben in die Hand nimmt.

Daimon hat zu tun mit Schicksalsereignissen, die deine bewussten Handlungen und Taten begleiten. Du selektierst (Sonne) und auf Basis dessen unternimmst du etwas und das hat bestimmte Folgen, vorhersehbar oder auch nicht. Daimon ist Handlung, Fortuna ist Passivität und Passion.
Unterthema: 1. Spiritualität und Religion 2. Die Psyche des Geborenen;

Fortuna: Thematisiert ein Mond-Thema: Existenz, Körperlichkeit! Dein Leben als ein Körper, dem Dinge erfahren, wie man das Leben erfährt.
Fortuna hat zu tun mit dem Los, das dir einfach zufällt, nicht als Folge bewusster Taten oder Handlungen, sondern einfach, weil du existierst. Das griechische Wort dafür ist ‘tuchè’, der willkürliche Zufall (Los), das dich trifft, nicht als Folge einer wohl bewussten Handlung deinerseits.
Auffallend ist hier im Besonderen der Unterschied, der zwischen dem körperlichen Lospunkt (Fortuna) und dem Lospunkt als Folge geistiger Aktivität gemacht wird. (Der Daimon wird in der englischen Literatur meist Spirit genannt.)
Fortuna ist Passion und Passivität, Daimon ist Aktion.
Unterthema: 1. Krankheiten und psychische Krisen 2. Materieller Wohlstand und Vermögen;

Fazit:
Fortuna betrachtet dein Leben als corpus.
Der Daimon betrachtet dein Leben als opus.
Quellenangaben:
(1) Abu ‘Ali Al-Khayyat: The judgment of Nativities. American Federation of Astrologers. Translated by James H. Holden, M.A., (1988). ; ISBN: 0-86690-339-9. Seite 40.
(2) Man könnte sogar behaupten, dass Horoskopdeutung an sich kein anderes Ziel hat als herauszufinden, welche der vielen Planetenbedeutungen zum Tragen kommen.
(3) Diese Sichtweise entstammt einem Seminar von Robert Schmidt: Translating Hellenistic Astrology into a Modern idiom. Aufgenommen beim „Nine Day Wonder„ Houseparty July 1 – 9, 2000, Cumberland MD. A Project Hindsight Intensive.


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