Arbeitskreis Traditionelle Astrologie

14. Januar 2009

Der Berufssignifikator

von Jürgen Anderlitsch

Das individuelle Berufsthema besteht in der Regel aus einer Reihe von Fähigkeiten und diese wiederum haben Bezug zu einem oder mehreren Planeten. Wenn diese Planeten an bestimmten Orten im Radix stehen, werden sie zu Signifikatoren für den Beruf.

Der Berufssignifikator (BS) zeigt die Talente und Fertigkeiten, die der Horoskopeigner (HE) in seinem Beruf nutzen kann. Allerdings ist es aufgrund der enormen Vielfalt und Komplexität unserer modernen Berufswelt und der damit einhergehenden Spezialisierungen kaum möglich (und auch nicht sinnvoll), die genaue Berufsbezeichnung bestimmen zu wollen. Meist genügt es zu sagen: “Venus ist dein BS. Venus bringt Künstler, Dichter, Musiker und Kunsthandwerker hervor und Menschen, die Kleider oder Parfum herstellen oder verkaufen; und solche, die ihr Geld mit schönen Dingen und Vergnügungen verdienen usw.”

Der BS zeigt also Bereiche an, in denen man wirklich gut ist – Talente, mit denen man ausgestattet ist und die einem während des gesamten Lebens zur Verfügung stehen, auch wenn man diese nicht für den täglichen Broterwerb einsetzt.

Die Methode, die ich hier vorstellen möchte, stammt von Guido Bonatti, einem bekannten italienischen Astronom und Astrologen des 13. Jahrhunderts.
Zwei Aspekte sind bei dieser klassischen Vorgehensweise besonders zu beachten:

  1. Zuerst wird grundsätzlich der Aszendent (AC) und das erste Haus untersucht, um festzustellen, ob sich darin Planeten befinden. Erst an zweiter Stelle wird das Medium Coeli (MC) bzw. das zehnte Haus betrachtet.
  2. In der klassischen mittelalterlichen Astrologie gab es drei allgemeine Signifikatoren für den Beruf, nämlich Merkur, Venus und Mars. Die damalige Gesellschaft bestand hauptsächlich aus drei Klassen:
  • den Kriegern (Mars), die in Friedenszeiten zu Handwerkern wurden
  • den Künstlern (Venus)
  • und den Kaufleuten/Schreibern (Merkur)

Die Sonne und der Mond wurden als zu edel und erhaben angesehen, um als allgemeine BS zu dienen. Saturn war Signifikator für Bauern und Landwirtschaft und Jupiter stand für kirchliche Würdenträger. Da aber unsere heutige Berufswelt wesentlich mehr Möglichkeiten für den einzelnen bereit hält und dadurch äußerst transparent geworden ist, bin ich persönlich der Ansicht, dass man auch Sonne, Mond und vor allem Jupiter und Saturn als BS berücksichtigen muss. Aber grundsätzlich sind wir auch heute noch entweder Krieger/Arbeiter, Künstler/Designer oder Kaufleute/Schreiber/Denker.

Bei der Auswahl des BS erhalten bei dieser Methode deshalb Merkur, Venus und Mars den Vorzug – vor allem in Zweifelsfällen.

Bonattis Methode im Einzelnen

1)

Zunächst werden die Eckhäuser betrachtet, beginnend mit dem 1. Haus, danach das 10., das 7. und zum Schluss das 4. Haus.

Befindet sich im ersten Haus ein Planet, ist dieser der BS. Bei mehreren Planeten im 1. Haus nimmt man denjenigen, der dem AC am nächsten steht. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass ein Planet im selben Zeichen wie der AC zum 1. Haus zählt, auch wenn er faktisch im 12. Haus steht – das gilt für alle Achsen bzw. Eckhäuser.

Stehen keine Planeten im 1. Haus, betrachtet man das 10. Haus. Steht darin ein Planet, nimmt man diesen als BS. Bei mehreren Planeten hat wiederum derjenige den Vorrang, der dem MC am nächsten steht.

Steht auch im 10. Haus kein Planet, werden das 7. und das 4. Haus untersucht und wie oben beschrieben gehandhabt.

2)

Findet man in den Eckhäusern keine Planeten, werden die Herrscher bzw. die Almuten der Achsen untersucht.

3)

Ferner wird folgendes beachtet:

a) Bei einem Taghoroskop (Sonne über dem Horizont):

hier wird derjenige Planet berücksichtigt, mit dem der Mond unmittelbar nach

dem vorgeburtlichen Neu- oder Vollmond einen applikativen Aspekt bildet.

b) Bei einem Nachthoroskop (Sonne unter dem Horizont):

hier wird der Planet berücksichtigt, der zuerst den Glückspunkt aspektiert oder

eine Konjunktion mit ihm bildet.

Der amerikanische Astrologe Rober Zoller ist zudem der Ansicht, dass ein Pla-

net im selben Zeichen wie der Mond in einem Nachthoroskop zum BS werden

kann.

4)

Schließlich empfiehlt Bonatti festzustellen, ob ein Planet kürzlich aus den Strahlen der Sonne gelaufen ist, dabei aber nicht weiter als 20 Grad von ihr entfernt steht. Dieser Planet sollte vor der Sonne aufgehen (oriental stehen), wenn es ein äußerer Planet ist und nach der Sonne aufgehen (okzidental stehen), wenn es ein innerer Planet ist.

Nun gilt es, alle gefundenen Faktoren untereinander abzuwägen.

Hat man einen oder zwei Planeten gefunden, die alle zuvor genannten Bedingungen erfüllen, so sind diese die BS. Findet man nur einen Planeten, der jedoch nur eine dieser Bedingungen erfüllt, so ist er dennoch BS. Das gilt ganz besonders für Mars, Venus oder Merkur wenn sie im ersten oder im zehnten Haus stehen und wenn sie zusätzlich eine der fünf Würden über den AC oder das 10. Haus haben (die fünf Würden sind: Domizil, Erhöhung, Triplizität, Grenze und Dekanat. Dabei wurde die Dekanatswürde von Bonatti als so schwach eingestuft, dass der sie hier nicht berücksichtigte).

Falls mehrere Planeten die Bedingungen erfüllen, sucht man denjenigen, der die meisten Würden und damit den größten Einfluss hat. Den größten Einfluss hat der Planet mit den meisten essentiellen und akzidentellen Würden.

Für den Fall, dass man keinen Planeten findet der eine der o.g. Bedingungen erfüllt, schlägt Bonatti folgendes vor: in einem Taghoroskop ist der Planet BS, der die Sonne aspektiert. In einem Nachthoroskop ist es der Planet, der den Mond aspektiert. Wird der Mond von keinem Planeten aspektiert, fällt die Wahl auf den Planeten, mit dem der Mond den letzten Aspekt gebildet hat oder auf den Herrscher des Zeichens, in dem der Glückspunkt steht.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Empfehlung von Ptolemäus hinweisen, der sein Augenmerk in jedem Fall auf den Planeten richtet, der vor Sonne aufgeht, also oriental zur Sonne steht. Und auch nach Robert Zollers Ansicht geben Planeten um die Sonne herum Hinweise auf den Beruf, unabhängig davon, ob sie sich der Sonne nähern oder sich von ihr entfernen – er macht aber zur Bedingung, dass sie nicht verbrannt sind oder unter ihren Strahlen stehen.

An dieser Stelle sollte sich gewöhnlich ein Planet herauskristallisiert haben, den man als Haupt-Berufssignifikator nehmen kann. Häufig kommen jedoch mehrere Planeten als BS in Frage, wobei diese nicht durch Aspekte miteinander verbunden sein müssen. In jedem Fall ist dies ein Hinweis darauf, dass der Geborene mehrere unterschiedliche Talente bzw. Fertigkeiten besitzt, die er beruflich einsetzen kann. Solche Menschen wechseln deshalb häufig und gerne den Beruf. Robert Zoller empfiehlt in so einem Fall, den Almuten sämtlicher Berufssignifikatoren zu errechnen und die Deutung auf diesen zu stützen.

Nun sollte man noch untersuchen, welcher Planet bzw. welche Planeten den oder die BS aspektieren. Jupiter und Venus unterstützen den BS gemäß ihrer Natur durch jeden Aspekt und ganz besonders durch ein Trigon oder ein Sextil. Mars und Saturn unterstützen den BS, wenn sie mit ihm durch ein Trigon oder ein Sextil verbunden sind.

Wie fast immer in der klassischen Astrologie hängt viel davon ab, in welcher Würde der BS steht. Aber auch die kleinere Würde der Elevation kann hierbei eine große Rolle spielen. Bonatti betont, dass der Geborene mit großen Schwierigkeiten und widrigen Umständen zu kämpfen hat, wenn Mars oder Saturn in Konjunktion, im Quadrat oder in Opposition zum BS stehen oder über ihn eleviert sind. Dabei müssen die so genannten „Übeltäter” nicht unbedingt einen Aspekt mit dem BS bilden. Umgekehrtes gilt für Venus und Jupiter – stehen sie über dem BS in Elevation oder aspektieren ihn dabei noch, kann der HE mit Glück und guten Aussichten im Berufsleben rechnen.

Hier nun ein Beispiel für die Berechnung des BS:

Gemäß unserem Schema untersuchen wir zuerst das 1. Haus. Da sich dort kein Planet befindet, betrachten wir das 10. Haus. Auch hier steht kein Planet. Nun folgt das 7. Haus und dort sehen wir Saturn in 27° Jungfrau. Somit haben wir unseren ersten potenziellen Berufssignifikator gefunden. Nach Bonatti müssen aber auch Planeten beachtet werden, die im selben Zeichen wie die jeweilige Achse stehen. Der Deszendent (DC) schneidet im Löwen an – Venus steht zwar im fallenden 6. Haus, aber sie befindet sich wie der DC im Zeichen Löwe und aspektiert zusätzlich das Medium Coeli (MC) mit einem Trigon. Venus wird somit ebenso zu einem möglichen BS.

Nun betrachten wir das 4. Haus und stellen fest, dass sich dort Merkur auf 18° Zwillinge befindet. Merkur steht hier essentiell und akzidentell äußerst stark – er steht in seinem Domizil und in seiner Triplizität sowie im kardinalen 4. Haus in enger Konjunktion mit dem IC. Merkur ist also nach der hier vorgestellten Methode der Haupt-Berufssignifikator. Die Tatsache, dass er zusätzlich vor der Sonne aufgeht und auch der Almuten über unsere drei BS ist, unterstützt unsere Entscheidung zusätzlich. Venus, die durch ein Sextil mit Merkur verbunden ist, folgt dabei an zweiter Stelle und auch Saturn leistet noch einen nicht unerheblichen Beitrag, auch deshalb, weil Merkur als BS Saturn disponiert.

Bei Ptolemäus können wir lesen: „ Merkur als Herr des Berufes, macht allgemein gesprochen Schreiber, Philologen, Lehrer der Mathematik, Kaufleute, Bankiers, Pächter, Astrologen, Forscher…” Die Kombination von Merkur und Venus bewirkt nach ihm Komponisten, Musiker, Sänger, Dichter und Musiklehrer.

Die Person hinter unserem Beispielhoroskop ist die französische Schriftstellerin Aurore Dupin, besser bekannt unter dem Namen George Sand (Geb. 01.07.1804, 22:17 Uhr, Paris, Alcabitius-Häuser).

George Sand war bekannt als Vielschreiberin. In einer Nacht soll sie bis zu dreißig Seiten geschrieben haben und kaum war ein Buch beendet, begann sie schon mit dem nächsten. Gegenüber dem Schriftsteller Gustave Flaubert soll sie erwähnt haben, wie ihr die Sätze nur so aus der Feder fließen. Und Flaubert, der oft mehrere Tage und Nächte nach dem passenden Ausdruck suchte, antwortete: „Die Einfälle fließen bei Ihnen reichlich und unablässig dahin wie ein Strom. Bei mir ist es ein dünnes Gerinnsel. Ich muss kunstvolle Arbeiten verrichten, um einen Wasserfall zu erlangen.” Der Dichter Alfred de Musset bestätigte: „Am Abend hatte ich zehn Verse gemacht und eine Flasche Schnaps getrunken; sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben.”

Sie schrieb trotz körperlicher Probleme oft acht Stunden täglich, meist nachts. Da sie keine Zeit mit aufwendigen Überarbeitungen verschwendete, wurde alle paar Monate ein Roman von ihr veröffentlicht.

Wir finden hier eine sehr treffende Beschreibung von Merkur, dem Symbol für Sprache und Schrift im vielseitigen und einfallsreichen Luftzeichen Zwillinge. Saturn steuert dabei die nötige Disziplin und Ausdauer bei und beide erschaffen somit das Bild der ehrgeizigen Vielschreiberin, die sich auch durch widrigste Umstände nicht von ihrer Arbeit abhalten ließ.

Den Beitrag von Venus erkennen wir zusammen mit Saturn unter anderem in ihrem Stil. Honoré de Balzac bemerkte: “Ich kenne nichts, das schlichter geschrieben, köstlicher ersonnen wäre.” Venus, der Planet der Liebe, der Lust und der Beziehungen, lieferte reichlich Stoff für ihre Romane. Ihr erster Roman „Indiana”, der 1831 erschien war ein großer Erfolg. „Indiana ist ein Typus: die Frau, das schwache Geschöpf, dem es obliegt, die gehemmten, oder wenn Ihnen dies lieber ist, die durch die Gesetze unterdrückten Leidenschaften darzustellen… die Liebe, die mit ihrer blinden Stirn gegen alle Widerstände der Zivilisation anstößt”, sagte George Sand. Man braucht nicht viel Phantasie, um in diesen Sätzen auch den Einfluss Saturns zu erkennen. Ihre Liebesdramen verarbeitete sie in vielen ihrer Romane.

Die klassische Vorgehensweise kann uns somit sehr detaillierte Hinweise auf das Berufsthema bzw. die Berufsthemen des Geborenen geben. Sie erfordert sicherlich mehr Arbeit und Mühe, belohnt aber durch Einblicke, die anderweitig verborgen blieben.

Quellen:

Tetrabiblos, Claudius Ptolemäus, Chiron, 2000

Das Buch der Horoskope, Michael Roscher, Knaur, 1990

Diploma Course in Medieval Astrology, Robert Zoller, www.new-library.com/zoller/

http://www.dieterwunderlich.de/George_Sand.htm

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/george-sand/

http://www.dichterinnen.de/Sand/

http://www.cyranos.ch/litsan-d.htm


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