Arbeitskreis Traditionelle Astrologie

1. Januar 2009

Artikel

Eva-Maria Zitzlaff

Erik van Slooten

Helga Pollmann
Lost Objects – oder die astrologische Suche nach verschwundenen Dingen

 Stundenastrologe ist die Kunst, konkrete Fragen zu beantworten. Die konkretesten Fragen sind die nach verlorenen Dingen. “Wo ist mein XYZ?”. Dieses XYZ kann etwas materiell Wertvolles oder etwas emotional Wichtiges sein und selbst entschiedene Astrologiegegner nehmen den Weg zum Astrologen in Kauf, wenn ein geliebtes Haustier verschwunden bleibt.

Den gesuchten Gegenstand im Horoskop zu erkennen ist das kleinere Problem, das größere Problem ist, diesen Ort in der Wirklichkeit zu finden, denn alles was es real gibt, kann nur durch die sieben alten Planeten, die 12 Zeichen und die 12 Häuser beschrieben werden.

Ein schönes Beispiel ist folgende Geschichte:

Eine Bekannte mailte mir, dass ihr Ring verschwunden sei, und ob ich ihr helfen könne. Es ging um einen wertvollen Ring mit einem schönen Aquamarin, den sie während einer Tagung im Hotel versehentlich liegen gelassen hatte. Durch das ehrliche Hotelpersonal bekam sie ihn zurück, brachte es dann aber fertig, den Ring endgültig aus den Augen zu verlieren. Wie sie das geschafft hatte, war aus ihrem Gedächtnis völlig gelöscht. Ich mailte zurück, dass ich eine konkrete Frage brauche, und so entstand folgendes Fragehoroskop:

Finde ich meinen Ring wieder? 28. November 2006, 8h42 MEZ/7h42 GT, Dortmund,, 8°39′O,50°07′N, Häusersystem Regiomontanus;

Zuerst werden die Signifikatoren bestimmt
Die fragende Person ist immer der Herrscher von Haus 1, außerdem der Mond als Co- Signifikator, wenn dieser nicht anderweitig gebraucht wird. Schmuck ist beweglicher Besitz, der gehört in Haus 2, also ist der Herrscher von 2 das, was gesucht wird.
Handelt es sich um einen “vergrabenen Schatz “, dann ist der Herrscher von Haus 4 zuständig, und häufig sind verlorene Dinge tatsächlich vergraben im Sinne von „irgendwo drin, irgendwo drunter “. Für Schmuck gibt es einen General- Signifikator, das ist Venus.
Und um es ganz unübersichtlich zu machen, ist auch der Mond Signifikator für verlorene Dinge. Ergänzend kann man auch den Glückspunkt noch heranziehen, er zeigt an, wo sich der „Schatz ” befindet.
Im vorliegenden Horoskop haben wir einen Schütze- AC, also steht Jupiter für die Fragestellerin. Hausspitze 2 ist im Steinbock, also steht Saturn für den Ring. Hausspitze 4 ist im Widder, danach ist es Mars, der den Ring angezeigt. Mond und Venus haben wir auch noch- doch welches ist nun der richtige Signifikator?

Viele Stundenastrologen schauen sich ein Horoskop daraufhin an, ob es die Frage widerspiegelt, denn dann kann man davon ausgehen, dass auch die Antwort im Horoskop zu finden ist. Hier ist mit Jupiter in Haus 12 die Ratlosigkeit der Fragestellerin zu erkennen. Es geht ihr um das schöne Schmuckstück, sichtbar durch Venus dicht am AC, und der Mond in Haus 3 stellt bildhaft ihre gestellte Frage dahin, wo der unterwegs verlorene Ring wohl sein könnte. Bei einer so schönen Widerspiegelung sollte der richtige Signifikator nicht so schwer zu bestimmen sein- diese Meinung sollte ich bald revidieren.

Die erste Möglichkeit: Saturn in Haus 8. Haus 8 ist Haus 2 des Partners. Könnte der Ring in die Sachen des Partners geraten sein? Das schied jedoch hundertprozentig aus. Eine schnelle Lösung sollte uns in dieser Frage nicht beschieden sein.
Die zweite Möglichkeit: Mars in Haus 12. In diesem Haus befinden sich die Dinge, die unsichtbar sind- das passte. Außerdem zeigt Mars im eigenen Zeichen auch den Wert des Rings an (im Gegensatz zu Saturn im Exil).
Die dritte Möglichkeit: Mond in Haus 3 und in Fische- Haus 3,sie hatte den Ring unterwegs verloren, und Fische, Symbol für Meer(wasser)- Aquamarin, da passte alles wie die Butter aufs Brot. Der Mond schien als Signifikator geradezu perfekt zu sein.
Die vierte Möglichkeit: Venus am AC.

Die gestellte Frage lautete: “Finde ich meinen Ring wieder?”

Um die Antwort zu finden, sind ein paar Regeln zu beachten. Das sicherste Zeugnis für ein JA ist ein applikativer Aspekt vom verlorenen Gegenstand zum Fragesteller, bzw. zum Besitzer. Übersetzt bedeutet dies, dass die beiden zusammen kommen. Alle vier Signifikatoren erfüllten diese Regel jedoch nicht.
Mars würde zwar bald mit Jupiter eine Konjunktion bilden- allerdings erst nach dem Wechsel in das Zeichen Schütze. Und eine eiserne Vorschrift in der klassischen Stundenastrologie besagt, dass über einen Zeichenwechsel nicht gedeutet werden darf (auch nicht über die Rückläufigkeit  hinweg oder über Verbrennung).
Aber ein anderer Aspekt versprach Licht am Horizont. Mars stand kurz vorm exakten Quadrat mit Saturn. Dieser war Herrscher des 2. Hauses und damit des Besitzes und das war fast genauso gut, wie der Planet der Fragestellerin, denn übersetzt heißt das, dass der Gegenstand wieder in den Besitz der Person kommt.

Ich war überzeugt davon, dass der Ring bald wieder das sein würde. Die Arbeit mit verlorenen Dingen war zum Zeitpunkt der Frage ein Thema, mit denen ich nicht sehr vertraut war, deshalb stellte ich die Frage und meine Deutung im geschlossenen DAV-Sektionsforum zur Diskussion, ein Forum, in dem sich klassisch arbeitende Astrologinnen und Astrologen austauschen. Auch dort war man der Meinung, der Ring würde gefunden, angezeigt entweder durch das Mars/Saturn-Quadrat, oder noch besser und wahrscheinlicher durch das Quadrat vom Mond auf den Aszendenten. Ohne Absprache waren wir (drei Astrologinnen  aus dem Forum und ich) uns einig, dass der Mond der einzig richtige Signifikator für diesen Ring war.

Der Zeitfaktor
Wenn man etwas verloren hat, will man ja nicht nur wissen, ob es gefunden wird, sondern auch wann es wieder da ist. Die Zeitgebung funktioniert in der Stundenastrologie nach bestimmten Regeln, wobei die Zeichen und Häuser in „kurze, mittlere und lange Zeiteinheiten” unterschieden werden, also beispielsweise in Tage, Wochen oder Monate, oder auch Wochen, Monate, Jahre, je nachdem, um welche Angelegenheit es sich handelt. Die Grade, die bis zum exakten Aspekt fehlen, geben die Anzahl dieser Zeiteinheiten wieder.
In diesem Horoskop fehlte zum exakten Mars/Saturn-Quadrat weniger als 1°. Mars in einem fixen Zeichen und fallenden Haus, das könnte eine knappe Woche bedeuten, maximal ein knapper Monat.
Der Mond braucht noch gut 4° bis zum exakten Trigon mit dem AC, in einem veränderlichen Zeichen und fallenden Haus geht das schnell, also gute vier Tage sind wahrscheinlich, wenn alles schief läuft halt gute vier Wochen, doch dann sollte der Ring wieder da sein.

Ich empfahl der Dame alles abzusuchen, was für das dritte Haus steht, also alles, was mit Kommunikation zu tun hat. Dazu gehört der Schreibtisch und jegliches Papier, wo etwas drauf steht, Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, der Ort, wo das Telefon ist, aber auch Flur und Korridor und Orte in der Wohnung, wo viel herumgelaufen wird.

Es vergingen die berechneten vier Tage und auch die vier Wochen, der Ring tauchte nicht auf. Wir stellten uns einer weiteren Regel, dass verlorene Dinge, die sich in einem fallenden Haus befinden, so weit weg sind, dass sie einfach nicht gefunden werden. Das war dann auch die traurige Nachricht, die ich der Frau überbrachte. Sie hatte sich mittlerweile mit dem Verlust abgefunden, doch ich war frustriert und prüfte eine weitere Regel, die besagt, wenn wenigstens eines der Lichter über dem Horizont steht, dann besteht eine gute Chance, das Verlorene zu finden. Die Sonne ist in diesem Horoskop gerade über dem Horizont, doch das nutzte auch nichts, der Ring blieb verschwunden.

Das Resultat
Gut zweieinhalb Monate später erhielt ich die freudige Nachricht, dass der Ring gefunden war. Er befand sich in einem (fast) nie benutzten Fach der Handtasche und war damit die ganze Zeit immer nahe der Fragestellerin gewesen! Und um das „Wunder” perfekt zu machen: Es war am ersten Tag des rückläufigen Merkur, der den Ring zum Vorschein brachte. Wenn „ das reale Leben “die Angelegenheit aufgeklärt hat, ist es klug, sich das Horoskop wieder hervor zu holen, denn dann kann man „ ablesen ” und eine Menge daraus lernen. Der Ring, die ganze Zeit in der Handtasche, dicht bei der Fragestellerin- da kam nur die Venus als Signifikator Ring in Frage.

Der transitierende Merkur stand bildschön in Konjunktion mit dem Glückspunkt, doch das nützte mir nichts, denn Merkur war in diesem Horoskop nicht von Belang. Es dauerte ein wenig, bis bei mir der Groschen fiel: Venus hatte das Trigon zu Saturn vollendet, gut 11° müssen musste sie zurücklegen und zweieinhalb Monate entsprechen circa 11 Wochen- der Ring hatte einen Aspekt mit dem Herrscher von Haus 2 gebildet, er war wieder zum (sichtbaren) Besitz der Fragestellerin geworden. Dass es am ersten Tag des rückläufigen Merkur geschah, gehört zu den Geschenken, die uns die Astrologie gratis und großzügig überreicht.

Mein Fehler bei dieser Geschichte war, dass ich die ganze Zeit einen falschen Signifikator im Auge hatte- Mond in Fische war einfach zu ideal für einen Aquamarin, so dass ich die Venus glatt ignoriert hatte- eine Lektion, die ich so schnell nicht vergessen sollte.
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Helga Pollmann war Mitglied des DAV, Mitglied der Klassischen Sektion des DAV und des Arbeitskreises Traditionelle Astrologie (ATA). Sie beschäftigte sich seit 1985 mit Astrologie, viele Jahre lang autodidaktisch. Seit 2004 Ausbildungen und Seminare bei verschiedenen Lehrern und Lehrerinnen. Die Stundenastrologie wurde zum Schwerpunkt ihrer Arbeit. Seit 2008 Aufbau einer stundenastrologischen Praxis und Leiterin der DAV-Regionalstelle Dortmund. Helga Pollmann verstarb 2009.


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