Arbeitskreis Traditionelle Astrologie

15. Dezember 2008

Was ist klassische (oder traditionelle) Astrologie?

Klassik im Kommen

von Erik van Slooten

Nach der Jahrzehnte langen Dominanz der modernen psychologischen Astrologie erlebt die klassische Astrologie weltweit eine Renaissance. Seminare und Vorträge zu diesem Thema werden gut besucht, Kongresse zur klassischen Astrologie werden regelmäßig organisiert. Die Praxen der klassischen Astrologen blühen. Ihre Zahl ist noch nicht groß, aber immer mehr Kollegen entdecken wie nützlich und bereichernd es ist, klassische Techniken wie die Stunden- und die Elektionsastrologie zu beherrschen und in Klientenberatungen konkret einzusetzen. Aber auch die klassische Radixdeutung stößt derzeit wieder auf reges Interesse.

Der Begriff ‘klassische Astrologie’

Der Begriff ‘klassische Astrologie’ führt im deutschsprachigen Raum zu Missverständnissen. Viele Astrologen nennen sich ‘klassisch’, ohne es zu sein.

Weil sie keiner bestimmten Schule oder Richtung wie der Hamburger, Döbereiner-, API-Schule usw. angehören, glauben sie eben, ‘klassisch’ zu arbeiten. Aber wenn diese Kollegen nicht wissen, was es bedeutet, wenn ein Planet in seinem ‘Gesicht’, seinen ‘Grenzen’ oder seiner ‘Freude’ steht, wenn sie nicht wissen, was in der Aspektbildung ‘Lichtsammlung’ oder ‘Vereitelung’ bedeuten und insbesondere wenn sie konkrete Prognosen ablehnen, haben ihre Arbeitsmethoden mit der klassischen Astrologie nur wenig zu tun.

Zu diesem Missverständnis konnte es kommen, nachdem der einflussreiche Astrologe Thomas Ring den Begriff ‘revidierte Klassik’ eingeführt hatte, einen Begriff, der in die Irre führt: Die ‘revidiert klassische’ Astrologie hat mit ihrer klassischen Mutter kaum noch eine Gemeinsamkeit.

Ein zweites Missverständnis ist, dass der Begriff „klassische Astrologie” sich ausschließlich auf die Astrologie der Griechen und Römer beziehen würde. Nein, die klassische Astrologie hat sich von etwa dem 5. Jahrhundert vor Christ ununterbrochen bis ins 17. Jahrhundert entwickelt, eine Periode von über zwei Millennien! In dieser Periode haben insbesondere auch die Araber und Juden zu dieser Entwicklung beigetragen.

Gerade wegen dieser Missverständnisse wird die klassische Astrologie oft auch traditionelle Astrologie genannt.

Ein Bruch von drei Jahrhunderten

Wie konnten die alten Techniken so in Vergessenheit geraten? Am Ende des 17. Jahrhunderts verursachte die sogenannte Aufklärung (die in vielen Hinsichten eher eine ‘Verfinsterung’ bedeutete!) in dieser Entwicklung einen Bruch, der über zwei Jahrhunderte andauerte. In dieser langen Periode starb die Astrologie allmählich, bis sie Ende des 19. Jahrhunderts fast buchstäblich ‘neu entdeckt’ wurde. Sie ging unter Einfluss von u.a. Alan Leo in England und später von Thomas Ring in Deutschland völlig neue Wege und konnte sich allmählich zu der esoterisch-psychologischen Astrologie entwickeln, welche die Astrologie des Westens in den letzten Jahrzehnten dominiert hat. Zweifellos hat dieser neue Weg die Astrologie bereichert. Es kommt dann auch nicht in Frage, die Errungenschaften der letzten hundert Jahre aufzugeben. Aber allmählich werden auch bestimmte Nachteile dieser Entwicklung sichtbar: immer weniger moderne Astrologen wagen es noch klare, kontrollierbare Aussagen, geschweige denn konkrete Prognosen zu machen.

Das Projekt ‘Hindsight’

Als Thomas Ring meinte, dass die klassische Astrologie nicht mehr tauglich war und ‘revidiert’ werden musste, hatte er keine Ahnung davon, was klassische Astrologie eigentlich ist. Das konnte er auch nicht , weil in seiner Zeit die klassischen Quellen kaum zugänglich waren. Nur wer Latein, Griechisch und Arabisch beherrschte, konnte diese Texte lesen. Diese Lage hat sich dank des in Amerika gestarteten und noch nicht vollendeten Projekts Hindsight erfreulich geändert. In diesem Projekt werden alle wichtigen astrologischen Quellen ins Englische übersetzt, so dass allmählich klar wird, welch unglaublicher Reichtum in diesen Texten begraben lag.

Würden und Aspektbildung

Grundlage der klassischen Astrologie sind die essentiellen Würden. Diese beziehen sich auf die Zeichenposition der Planeten und sind die wesentlichen Bausteine der klassischen Astrologie. Diese Würden sind der Reihe nach (von sehr wichtig nach relativ unwichtig): Domizile, Erhöhungen, Triplizitäten, Grenzen und Dekanate. Ein Planet, der Würde hat, entfaltet gerne seine gute Eigenschaften. Es gibt auch zwei negative Würden: das Exil und den Fall. Hier neigen die Planeten eher zu ihren ungünstigen Eigenschaften. Die akzidentellen Würden der Planeten beziehen sich vor allem auf ihre Häuserposition und ihre Bewegung. Sie bestimmen, ob ein Planet viel oder wenig Kraft hat. So steht beispielsweise ein Planet an einer Achse oder in ein einem Eckhaus kräftig und ist ein rückläufiger Planet geschwächt.

Die antiken Astrologen haben die Aspektbildung mit einer unglaublichen Genauigkeit analysiert. Ihre Betrachtungsweise war dynamisch: es ging ihnen vor allem um die Entwicklung der Aspekte: Kommt ein Aspekt noch zustande oder ist er schon vorbei? Im ersten Fall spricht man von einem applikativen, im zweiten Fall von einem separativen Aspekt. Nur die fünf großen oder ptolemäischen Aspekte wurden berücksichtigt: Konjunktion, Sextil, Quadrat, Trigon und Opposition. Aber im Gegensatz zur gängigen Praxis in der modernen Astrologie, die auch mit anderen (den ‘kleinen’) Aspekten arbeitet, bezieht die Klassik noch andere Verbindungen zwischen Planeten in Betracht, wie die Rezeptionen, Antiszien usw.

Das Würdensystem und die klassische Betrachtungsweise der Aspekte und anderen Planetenverbindungen sind die Präzisionsinstrumente der klassischen Astrologie und ermöglichen u.a. die konkrete Prognose, insbesondere in der Stundenastrologie

Konkrete Prognosen

Die konkreten Prognosen wurden in der modernen psychologischen Astrologie zum Tabu erklärt. Die Anhänger dieser Astrologie meinen, dass konkrete Prognosen nicht möglich sind und, wenn sie möglich wären, keinen Sinn haben. Die Vorurteile, die immer wieder auftauchen, sind die folgenden:

1. „Klienten sollen besser nicht wissen, was die Zukunft konkret bringen wird, damit sie an ihren Fehlern ‘wachsen’ können.”

Zu diesen Vorteil, dass man das ‘Schicksal-als-Chance’-Dogma nennen könnte, ist Folgendes zu sagen: Es ist noch nie einem einzigen Menschen in der Welt gelungen, ein krisenfreies Leben zu führen. Es gibt im Leben auch mit astrologischer oder sonstiger Hilfe schon so viel Schwierigkeiten, an denen der Mensch ‘wachsen’ kann, dass es nur von Weisheit zeugt, wenn er versucht, seine individuelle Portion Elend wenn immer möglich zu verringern.”

2. „Wenn konkrete Prognosen negativ ausfallen, frustrieren und lähmen Astrologen damit ihre Klienten.”

Das ist merkwürdigerweise fast nie der Fall. Im Gegenteil, wir klassische Astrologen stellen immer wieder fest, dass wir mit solchen Prognosen etwas aufdecken, das die Klienten innerlich schon wissen! Die Prognosen führen dann vielmehr zur Erleichterung statt zur Frustration, und statt zu lähmen, machen sie den Weg für neue Initiativen und Entwicklungen frei.

3. „Klassische Astrologie ist fatalistisch (und deshalb unethisch), weil sie die menschliche Freiheit leugnet.”

Wenn eine Prognose für den Klienten enttäuschend ist, sucht der klassische Astrologe mit ihm gemeinsam nach Alternativen. Meistens werden diese im Fragehoroskop selbst oder auch in Transiten über das Radix, im aktuellen Solar usw. gefunden. Klassische Astrologie und menschliche Freiheit gehen sehr gut zusammen.

(Teile dieses Texts stammen aus meinen Büchern Klassische Stundenastrologie, Chironverlag, 2008) und Klassische Horoskopdeutung (Chironverlag, 2005)


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