Arbeitskreis Traditionelle Astrologie

6. Januar 2009

Von Babylon zum Hellenismus

Zur Geschichte und Entwicklung des siderischen und tropischen Tierkreises

Babylon- die Wiege der Astronomie und Astrologie

von Hedwig Gebbeken

Aus der Faszination der Beobachtung der Wandelsterne (Planeten) vor dem Hintergrund des Fixsternhimmels, versuchten die Menschen anscheinend schon in vorbabylonischer Zeit Fixsterne zu Bildern zusammenzufassen, wodurch es möglich wurde, die Bewegung der Planeten einzuordnen und zu beschreiben. Sternbilder sind Zusammenfassungen der Fixsterne zu definierten Bildern am Himmel. Sie ermöglichen eine räumliche Einteilung des Kosmos.

Die Sternbilder der Ekliptik, so wie wir sie heute verwenden, wurden in der altbabylonischen Kultur zusammengefasst und beschrieben, wie wir aus alten Keilschrifttafeln, den MUL.APIN (MUL bedeutet Stern), mittlerweile wissen. Die MUL.APIN – Tafeln sind zwischen 2300 v.Chr. und 687 v.Chr entstanden. Auch aus dem babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch (8. Jhd. v.Chr.) kann die Einteilung der Ekliptik in 12 Bilder geschlossen werden.

Die altbabylonischen Beobachtungen und Aufzeichnungen orientierten sich grundlegend an den beiden Fixsternen Aldebaran (15° Stier ) und Antares (15°Skorpion ). Beide liegen sich genau gegenüber. Geht der eine im Osten auf, geht der andere zeitgleich am gegenüberliegenden Horizont unter. Beide sind sehr hell und bieten sich daher an, als grundlegende Orientierungspunkte (Fiduzialsterne) definiert zu werden. In der babylonischen Astronomie wurde der Himmel in drei Abschnitte unterteilt, die den obersten sumerischen Gottheiten Anu, Enlil und Enki (Ea) unterstellt waren. Diese drei Pfade entsprechen der Deklinationsbewegung der Sonne. Jede Gottheit erhielt zwölf Monatsnamen für ihren Aufsichtsbereich. Jeder Monat bestand aus drei abwechselnden Götterwochen, die jeweils zehn Tage andauerten (Dekane).
Einer Woche war ein Himmelsobjekt der zugehörigen Gottheit zugewiesen. Somit ergaben sich 36 MUL-Objekte.
Man kartierte die Planetenbewegung anhand der Stellung zu den Fixsternen, indem man die Länge mit östlich (hinter) bzw. westlich (vor) vom Stern stehend und die Breite mit über oder unter dem Fixstern stehend angab. Zur besseren Maßangabe wurden zunächst Fingermaße benutzt, später gab es Raster, durch die man den Himmel beobachtete.
Das MUL.APIN beschreibt die Sternbilder anhand der heliaktischen Aufgänge. Die Daten reichen bis ins Jahr 1370 v.Chr. zurück. Die Tafeln wurden dann immer wieder nach Bedarf kopiert. Die letzte Kopie ist aus dem Jahr 687 v.Chr.
(Die babylonische Astronomie reicht zurück bis 3000 v.Chr. Ihren Höhepunkt erreichte sie etwa um 600-500 v.Chr. Sie erhielten mit ihren damals vorhandenen Mitteln unvorstellbar genaue astronomische Daten. Die mittlere Zeitdauer eines synodischen Monats betrug nach Nabu-rimannu (Ende 3.Jh. v.Chr.) 29,530641 d und nach Kidinnu (um 380 v.Chr.) 29,530594 d, wobei der Wert heute mit 29,530589 d angegeben wird.
Die synodische Umlaufzeit der Planeten, d.h. die Zeitdauer zwischen zwei gleichartigen Stellungen in Bezug zur Erde, wich im 2. oder 1.Jh. v.Chr. meist nur um etwa 1/100 eines Tages gegenüber dem heutigen Wert ab, z.B. bei Venus 583,91d statt 583,92d.)

Anfangs arbeitete man mit ungleich großen Sternbildern, so, wie sie am Himmel in unterschiedlicher Größe erschienen und eingeordnet worden waren.

Sternbilder / Sternzeichen

Wie kam man nun von den ungleich großen Sternbildern, wie sie am Himmel erscheinen, zur Aufteilung der Sternbilder in gleich große 30° breite Zeichen?
Mit der Beobachtung und Beschreibung der Wandelsterne in Bezug zu den Fixsternen in den Zeichen, hatte man zwar eine Standortbeschreibung, konnte auch den Verlauf erkennen, doch gab es keine mathematische Berechenbarkeit der Standorte. Dazu war es nötig, die Ekliptik so aufzuteilen, dass man mit Zahlen arbeiten konnte.

Da die Erde ungefähr 360 Tage für einen gesamten Umlauf um die Sonne brauchte, lag es nahe, eine Einteilung zu finden, die sich an einer Teilbarkeit von 360 orientierte. Das die Sonne als übergeordnetes Zeitmaß galt, liegt wiederum nahe, da der gesamte Wachstumszyklus vom Stand der Erde zur Sonne abhängt.
(So entstand im Übrigen die babylonische Zeitrechnung, das Sexagesimalsystem, mit dem die gesamte Welt heute noch die Zeit misst und die Kreisberechnungen durchführt. Also auch unseren Tagesrhythmus in ca. 360 Tage á 2×12 Stunden á 60 Minuten á 60 Sekunden. Dieses System stammt aus dem altbabylonischen Reich des 2. Jahrtausends vor Christus. Babylon hat der Welt schon so einiges hinterlassen, das macht man sich im Alltag, wenn man auf die Uhr schaut, auch selten klar ;-) )Mit dem grundlegenden Jahr von 360 Tagen und den beschriebenen 12 Sternbildern der Ekliptik oder babylonisch des Weges des Anu, ergab sich somit eine Nivellierung der unterschiedlich großen Himmelsbilder auf gleich große 30° aufgrund der besseren mathematischen Berechenbarkeit. Diese Einteilung ist aus dem 5. Jahrhundert v.Chr. als Koordinatensystem zur genauen Lokalisierung der Wandelsterne entstanden.
Gleichzeitig hatte man so eine Angleichung der Zeitmessung an den Mondzyklus, der ungefähr 30 Tage von einer Neumondstellung zur nächsten braucht. Zu dieser frühen Zeit lebte das babylonische Volk weiterhin nach den Monaten der tatsächlichen Mondumlaufzeiten. Die astronomischen Monate waren zunächst rein wissenschaftliche.

Wir können also davon ausgehen, dass die Einteilung der Zeichen in gleich große 30°-Abschnitte dadurch entstanden ist, dass es vor allem der Berechenbarkeit der Planetenbewegung zuträglich war.

Die Sternbilder sind also die real am Himmel sichtbaren Fixsterne zusammengefasst in figürlichen Beschreibungen. Sie sind unterschiedlich groß.
Sternzeichen sind die in jeweils 30° aufgeteilten Abschnitte, die den Sternbildern entstammen, jedoch für unseren Sonnenkalender mit seinen 12 Monaten auf 12 gleich große Sternzeichen „genormt” wurden. Die Sternzeichen gelten für den siderischen und den tropischen Tierkreis. Es gibt nur wenige Astrologen, die mit den siderischen, gleichgroßen Bildern arbeiten.

Ein 13. Sternbild, der Schlangenträger, ragt nur wenige Grad mit seinem Fuß, in die Ekliptik zwischen den Bildern Schütze und Skorpion. Die Sonne durchwandert ihn zwischen dem 30.11. und dem 18.12. Die von Kepler 1604 beobachtete Supernova liegt in diesem Sternbild. Der gängigsten Deutung nach, symbolisiert der Schlangenträger den Asklepios, der von Cheiron aufgezogen wurde, der ihn in der Heilkunst ausbildete. Warum das Sternbild letztlich nicht weiterhin in die astrologische Deutung mit einbezogen wurde, ist darauf zurückzuführen, dass man sich auf 12 Bilder einigte, gemäß des 12-monatigen Einteilung.

Ab wann man astrologische Deutung betrieb, also die astronomischen Beobachtungen mit Deutungen und Prognosen hinterlegte, ist unklar. Die ältesten uns überlieferten Horoskope stammen aus dem späten 5. Jahrhundert v. Chr. und sind babylonischen Ursprungs. Sie sind natürlich in Bezug auf den siderischen Tierkreis berechnet und angegeben.
Nach der Eroberung Babylons durch Alexander den Grossen im Jahre 330 v. Chr. wurde die Astrologie durch den Chaldäer Berossos, einem babylonischen Astrologen, in Griechenland gelehrt.

Zeittafel der Entwicklung des Zodiaks

2300 v.Chr.
Im Gilgamesh Epos wird auf den Himmelsstier eingegangen, der durch die Plejaden bezeichnet ist (sumerisch MUL.MUL und akkadisch Mähne des Stieres und Samenkörner der Saat). Es tauchen auch Beschreibungen der Saatfurche = Jungfrau auf. Es kann rückgeschloßen werden, daß die Einteilung in Sternbilder schon üblich war.

8. Jhd. v.Chr.
(Der Mythos ist wahrscheinlich sehr, sehr viel älter)
Der Enuma Elisch, der babylonische Schöpfungsmythos, spricht von einer Einteilung in zwölf Zeichen:

„Tafel 5: Die Ordnung der Weisheit
Er (Marduk) ersann Standorte für die großen Götter.
In Sternbildern ordnete er ihre Entsprechungen, die Sterne.
Er bestimmte das Jahr, teilte Abschnitte ab,
Für jeden der zwölf Monate bestimmte er drei Sterne.”

747 v. Chr.

Beginn der Herrschaft Nabunassirs, babylonischer König, und Beginn der kontinuierlichen Aufzeichnungen der Beobachtungen der Sternenbewegung. Zunächst wurden Finsternisse beobachtet, dann die Position der Planeten anhand der Nähe zu bestimmten Fixsternen bestimmt und kontinuierlich aufgezeichnet.
2300 v.Chr. bis 687 v.Chr.
MUL.APIN – Die älteste gefundene Keilschrifttafel mit einem vollständigen Kalender der heliaktischen Aufgänge der Planeten.

MUL.APIN sind Tontafeln in Keilschrift, benannt nach den ersten Silben, die darauf zu finden sind. Die Aufzeichnungen sind anscheinend aus dem Zeitraum von 2300 v.Chr. bis 687 v.Chr. und enthalten  Auflistungen der heliakatischen Aufgänge der Sternbilder am Himmel. Sie wurden in drei Sätzen erstellt und bis ca. 300 v.Chr. je nach Bedarf kopiert. Man nimmt an, dass viele der Aufzeichnungen dieser MUL.APIN vom griechischen Astronomen, Mathematiker und Physiker Eudoxos von Knidos für seine Katalogisierungsarbeiten verwendet worden sind.

Den heutigen zwölfmonatigen astronomischen Tierkreissternzeichen entsprechen neun der sumerischen Monate mit deren Namen und Einteilungen unverändert. Dadurch wird auch noch einmal deutlich, wie sehr unsere Zeitrechnung und Astronomie/Astrologie in der babylonischen Kultur verankert ist.

Die Neubabylonischen Bilder
Die Monate wurden anhand des heliaktischen Aufgangs des Zeichens bestimmt.

Monatsname = babyl. Bilder-Name = trop. Zeichen-Name=babyl. ZeichenName

1.Monat: Nisannu = Knecht = Widder = (LU).CHUN.GA
2.Monat: Ajjaru = Himmelsstier = Stier = GU.AN.NA
3.Monat: Simanu = Große Zwillinge = Zwillinge = MASH.TAB.BA
4.Monat: Du´uzu = Krebs = AL.LUL
5.Monat: Abu = Löwin = UR.GU.LA
6.Monat: Ululu = Saatfurche = Jungfrau=AB.SIN
7.Monat: Teshritu = Waage = ZI.BA.AN.NA
8.Monat: Arahsamnu = Skorpion = GIR.TAB
9.Monat: Kislimu = Pabilsag = Schütze = PA.BIL.SAG
10.Monat: Tebetu = Ziegenfisch = Steinbock = SUCHUR.MSH.KU
11.Monat: Shabatu = Großer Einer = Wassermann = GU.LA
12.Monat: Addaru = Anunito = Fische = KUN.MESH

Dabei waren die Monate 12 bis 2 um die Wintersonnenwende der Weg des Anu genannt, ebenso die Monate um die Sommersonnenwende 6 bis 8, also beide Male läuft die Sonne innerhalb der Deklination von 16,33. Unterschritt die Deklination der Sonne 16,33 Nord, die Monate 3 bis 5, so nannten sie es den Weg des Enlil. Überschreitet die Unterschreitet die Deklination 16,33 Grad Süd, die Monate 9 bis 11, so war es der Weg des Enki (Ea).

679 v.Chr. bis 667 v.Chr.
Inschriften von Esarhaddon von Assyria belegen, daß die Erhöhungen (Hypsomata), babylonisch=”qaqqar nisirti”, bereits zu dieser Zeit bestimmt waren. Sie beziehen sich also auf den babylonisch-siderischen Tierkreis! Bei den Gradeinteilungen der Erhöhungen muss es also schon die 30° -Zeichen gegeben haben. Es gibt zwar keine schriftlichen Belege dafür, aber bei den Angaben der Grade in den Zeichen kann man darauf rückschliessen.

450 v.Chr.
Spätestens ab ca. 450 v.Chr. wurden die Planetenstandorte nachweislich an den gleichgroßen 30°-Zeichen des Tierkreises der Ekliptik gemessen (wahrscheinlich jedoch sehr viel früher). (In dem Keilschrifttext VAT 4924 aus dem Jahr 418 v. Chr. geht hervor, dass der Tierkreis mit 12 gleichlangen Zeichen gebräuchlich war.)
Durch die Einteilung in die Tierkreiszeichen gleicher Größe, konnte man die Planetenbewegung auch mathematisch berechnen.

432 v. Chr.
erste tropische Manier

Die griechischen Astronomen Meton und Euktemon beobachten die Sommersonnenwende im Jahr 432 v. Chr. und stellen fest, dass der Frühlingspunkt zu dieser Zeit bei 8° Widder liegt. Ihnen war der babylonische siderische Tierkreis bekannt. Euktemon jedoch definierte scheinbar als erster die FTNG nicht mehr auf 15 ° Widder, sondern auf den Anfang des Zeichens.
Wir wissen nicht, warum er sich so entschied. Man nimmt an, es war ein praktischer Grund, weil es einfacher war, die Tage von der FTNG an ab 1 und nicht ab 15 zu zählen und so eine komplizierte kalendarische Rechnung zu haben.
Interessant ist noch, dass die Athener damals noch das Neujahr zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende feierten.

409 v. Chr.
Erstes bekanntes Erstellen eines Horoskops zur Geburt eines Kindes nach siderischem Zodiak.

320 v.Chr.
Eudoxos von Knidos, griechischer Astronom, arbeitet mit dem siderischen Zodiak. Er sieht die FTNG weiterhin bei 15° Widder, was der alten babylonischen Tradition entspricht. Dort wurde der Jahresanfang mit der FTNG in der Mitte der Zeichen gesehen. Die Monate begannen dann ebenfalls in der Mitte der Zeichen. Diese Tradition scheint sich gefestigt zu haben, weil viele der Sternen-Beobachtungen des MUL.APIN scheinbar aus den Jahren um 860 v.Chr. stammen und der Frühlingspunkt zu der Zeit tatsächlich in der Mitte des Widder lag. Das scheint Eudoxos übernommen zu haben, da die Präzession noch nicht bekannt war.

379 v.Chr.
Präzession der Äquinoktien
Der babylonische Astronom Kidinnu entdeckt die Präsession anhand von Vergleichen seiner Aufzeichnungen mit denen des Nabu-rimannu. Dies ist aus Keilschrifttexten rückzuschließen.

333 v. Chr.
Hellenismus

Alexander der Grosse besiegt Babylon in der Schlacht um Issos, toleriert jedoch deren Kultur und erweitert sie um ein Schulsystem.
Mit Alexander dem Grossen beginnt das hellenistische Reich, die Verbindung babylonischer und griechischer Kultur unter griechischer Herrschaft.

330 v. Chr.
Der Chaldäer Berossos, ein babylonischer Astrologe, gründet eine Schule auf der Insel Kos, führt also die Astrologie in Griechenland ein.

300 v.Chr.
Timocharis und Aristyllos stellen einen Sternenkatalog auf, mit dem Hipparch 150 Jahre später seine Aufzeichnungen vergleicht und daraus erneut auf die Präzession schließt.

134 v.Chr.
Festlegen des tropischen Tierkreises durch Hipparchos

Hipparchos von Nicäa erneuerte die Entdeckung des Kidinnu bzgl. der Präzession der Äquinoktien ca. 134 v. Chr. Er bezog sich auf Beobachtungen, die zwischen 295 und 283 v. Chr. von Timocharis, einem griech. Astronomen, gemacht wurden. Hipparch stellte fest, dass es im Vergleich seiner eigenen Beobachtungen mit denen des Timocharis eine Bewegung des Herbstpunktes in Bezug auf den Fixstern Spica (alpha-Virginis) um 2 Grad gegeben hat. Er berechnet die FTNG auf ca. 6° Widder.

Während sich die Chaldäer weiterhin auf den siderischen Zodiak berufen, vertritt Hipparchos den tropischen Tierkreis. Er greift damit Gedanken von Euktemon auf, die fast 300 Jahre zurück liegen. Die Griechen haben also den tropischen Zodiak nicht aufgrund der Tatsache, dass zum Zeitpunkt des Festlegens der FTNG, diese zufällig auf 0° stand und durch Ptolemäus tradiert wurde (wie häufig gesagt wird), eingeführt, sondern er wurde ganz bewusst gewählt, aus praktischen oder weltanschaulichen Gründen. Man übernahm also zwar die babylonische Tradition, das Jahr mit dem Frühlingspunkt beginnen zu lassen, setzte aber fest, dass der Frühlingspunkt immer auf 0° Widder zu fixieren ist.

Ca. 150 n.Chr.
Ptolemäus veröffentlicht den Almagest
, einen vollständigen Sternenkatalog, der viele Jahrhunderte Meilenstein der Astrologie und Astronomie sein sollte. Er geht von einer Präzession von 1° in 100 Jahren aus.

Letztlich waren es dann Kopernikus (14hundert und) und exakter noch Newton, der die Präzession auf 1° Grad in 72 Jahren festlegen konnte.

Zur Zeit Ptolemäus lag der Frühlingspunkt bei ca. 2° Widder, nicht wie häufig gesagt wird, auf 0° Widder, wodurch angeblich die Konzentration auf die 0° Widder entstanden sein soll! Ptolemäus war wohl viel mehr Anhänger der tropischen Manier, wie sie von Hipparchos und Euktemon vertreten wurde. Da er eine anerkannte astronomisch-astrologische Instanz war, waren seine Werke bis ins Mittelalter unangefochten. Interessant ist aber, dass während der gesamten Phase bis ca. 500 n.Chr. alle überlieferten Horoskope siderisch sind.

497 n.Chr.
Letztes nachgewiesenes griechisches siderisches Horoskop
, das literarisch überliefert ist.

775 n.Chr.
Erstes nachgewiesenes griechisches tropisches Horoskop
, das literarisch überliefert ist.

Zusammenfassung

Die Astrologie, wie sie heute meist in unserem Kulturkreis betrieben wird, bezieht sich nicht auf die real am Himmel erscheinenden Sternbilder.
Wenn im tropischen Zodiak die Sonne beispielsweise auf 21 Grad Stier steht, dann befindet sie sich real am Himmel auf 27° Widder, also ca. 24° zurück im Lauf des Zodiaks. Das liegt daran, dass der tropische Tierkreis die Präzession des Frühlingspunktes nicht berücksichtigt. Der Punkt der Frühlings – Tag- und Nachtgleiche (FTNG) wandert mit einer Rate von 1° in 72 Jahren (wie wir seit Newton ganz exakt wissen) rückwärts durch den Tierkreis.
Die Sonne steht also heute real zum Zeitpunkt der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche am 21. März nicht auf 0° Widder, sondern in der Nähe des Schwanzes des süd-westlichen Fisches der Fische auf ca. 6° Fische.
Auf 0° Grad Widder befand sich der Frühjahrspunkt real (siderisch) ca. 300 nach Chr., (vor 1737 Jahren).
Aus der Einteilung des Laufes der Sonne durch die 12 Sternbilder auf der Ekliptik, entstand unser Kalender, unsere Monate. Die Einteilung in 30° grosse Zeichen ist ein weiterer Schritt, der sich aus der besseren Berechenbarkeit der Planetenstände aufgrund dieser Einteilung ergab. Jetzt konnte man durch die gleich großen Zeichen und die Gradeinteilung mathematisch vorgehen. Gleichzeitig ergab sich eine einfachere kalendarische Aufteilung der Monate.
Die Sternbilder am Himmel sind jedoch nicht gleich gross. Das Arbeiten mit gleichgrossen Sternzeichen von 30° ist spätestens seit ca. 450 v. Chr. gebräuchlich. Unsere Sternzeichen (30°) im Gegensatz zu den Sternbildern (ungleich gross) sind also aus praktischen Gründen entstanden. Sternbilder sind demnach eine räumliche Einteilung des Kosmos zur Beobachtung der räumlichen Lage der Wandelsterne vor dem Fixsternhimmel. Die Sternzeichen haben zusätzlich eine Nivellierung in Gradzahlen erfahren, um eine praktisch leichtere Anwendung der Standortbestimmung der Wandelsterne vor dem Fixsternhimmel zu gewährleisten.
Auch die meisten siderisch arbeitenden Astrologen beziehen sich auf die 30°-Sternzeichen.
Der Unterschied zwischen dem siderischen und dem tropischen Zodiak liegt also darin, daß die tropische Manier die FTNG auf einen konstruierten Zodiak bei 0° Widder festlegt, der die Präzession der Äquinoktien nicht berücksichtigt (bzw. die Präzessionsbewegung herausrechnet), sondern den Standort der Planeten konstruiert und an den jahreszeitlichen Kalender anpasst. Der tropische Zodiak ist somit eine räumliche Übertragung des tropischen Kalenders, den Euktemon entwarf. Der siderische Zodiak bezieht sich nach wie vor auf die realen Planetenpositionen, wie sie aufgrund der Präzesssion tatsächlich erscheinen.
Da in Griechenland ursprünglich zur SSW das neue Jahr begann, die Babylonier das neue Jahr allerdings mit der FTNG begannen, haben die Griechen von den Babyloniern nicht nur deren Astronomie/Astrologie übernommen, sondern auch deren Jahresbeginn. Die weitere Entwicklung der Astrologie im Hellenismus bezog sich dann aber auf den tropischen, konstruierten Zodiak. Die Gründe dafür sind nicht literarisch belegt. Es gibt keine schriftlichen Überlieferungen, warum vom siderischen auf den tropischen Tierkreis gewechselt wurde. Man kann nur Rückschlüsse ziehen:
Anscheinend spielt hier die größte Rolle, daß die Astrologie sich nun auf eine einfachere Rechenbarkeit und in ihrer Deutung auf die Jahreszeiten-Astrologie bezieht. Die tropisch arbeitende Astrologie geht demnach davon aus, dass die astrologische Deutung eine Bildsprache ist, die sich zwar aus den frühen astronomischen Erkenntnissen heraus entwickelt hat, aber nicht an sie gebunden ist und sich auf die mythologischen, philosophischen Denkgebäude des Hellenismus, bezieht.


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